18.01.2019

Alter ist nichts für Feiglinge

Mindener Tageblatt - Nr. 15 · Freitag, 18. Januar 2019

von Anja Peper

Minden (mt). Echte Zeitreisen sind noch zu schwierig. Aber es gibt eine Möglichkeit, herauszufinden, wie sich der Alltag im Jahr 2060 anfühlen könnte.MT-Praktikantin Katja Hormann hat das Experiment gemacht: Mithilfe eines Alters-Simulationsanzuges fühlt sich die 18-Jährige auf einen Schlag 40bis 50 Jahre älter. Langsamer. Schwerfälliger. Alltägliche Dinge wie das Abzählen von Kleingeld an der Kasse dauern plötzlich viel länger. Die speziellen Handschuhe schränken den Tastsinn ein. Deutlich länger als üblich kramt Katja im Portemonnaie herum, um zwei Cent-Stücke zu finden. An einer echten Supermarkt-Kasse hätte sie vermutlich schon den Unmut der Kunden in der Warteschlange hinter sich provoziert. 

Alt sein ist nichts für Feiglinge: Hören und Sehen lassen nach, die Gelenke werden steifer. Die Gewichtsmanschetten an Armen und Beinen sorgen dafür, dass sich Katja so wie ein Roboter bewegt. Heute kennt die 18-Jährige solche Probleme natürlich noch nicht: Sie ist 1,69 Meter groß, läuft viel, geht regelmäßig ins Fitness-Studio und wiegt 54 Kilo. Damit sie sich mal so richtig alt und gebrechlich fühlt, sind schon einige Gewichte an Armen und Beinen nötig. Solche Alters-Simulationsanzüge haben den Zweck, jüngere Menschen für die Probleme Älterer zu sensibilisieren. Der sogenannte "Senior Suit" ist für die Simulation der Lebensspanne von 50 bis 100 Jahren ausgelegt.

Wie lebt es sich eigentlich mit einem Handicap? - Um die Frage ging es beim ersten Aktionstag der Schwerbehindertenvertretung (SBV) der Edeka Minden- Hannover. Wer am Mittwoch das E-Center an der Königstraße betrat, stieß gleich am Eingang auf Aktionsstände und den Mitmach-Parcours samt Alterssimulation. Auch Personalchef Thomas Jäkel (51) probierte dort den Anzug aus. Weil Gewichte den Gleichgewichtssinn beeinträchtigen, machte ihm die fehlende Balance beim Gehen zu schaffen. Der Anzug addiert rund 30 bis 40 Jahre zum Alter einer Person hinzu. Das merkt auch Jäkel, der selber ziemlich sportlich unterwegs ist, beim Test sofort.  

Nicht nur Alter kann einschränken. Teilhabe am Arbeitsleben trotz Behinderung: Diesen Aspekt möchten Schwerbehindertenvertreterin Marlies Mnich und ihr Team besonders in den Fokus rücken. Das Organisationsteam ist an diesem Aktionstag in einheitlichen Shirts unterwegs mit dem Aufdruck: "Und ... - es geht doch!!!" Mit diesem Spruch möchte die Schwerbehindertenvertretung deutlich machen, dass Menschen mit Handicap bei Edeka einen Arbeitsplatz finden oder ihren Arbeitsplatz behalten können, wenn sie aus gesundheitlichen Gründen ihre Arbeit nicht mehr so wie früher leisten können. Manchmal reicht schon eine kleine Unterstützung.       

Ein Beispiel ist der Arbeitsplatz von Tanja Müller, die im E-Center an der Kasse arbeitet. Sie hat eine Hörbehinderung und empfindet die permanente Geräuschkulisse in dem Lebensmittelmarkt als belastend. Für eine bessere Akustik über ihre Kasse sorgen jetzt zwei Absorber-Würfel. Sie sind ideal für hohe Räume. Es hat sich gezeigt, dass viele Kunden die beiden Würfel für Dekoration halten. Auch eine erhöhte Plexiglaswand in ihrem Rücken hilft Tanja Müller im Arbeitsalltag. Ihr Beispiel zeigt, welche Möglichkeiten es gibt, bei einem Handicap zu helfen. Arbeitgeber können die Arbeitsplätze individuell anpassen.                                

Die Schwerbehindertenvertretung setzt sich für die Interessen der Mitarbeiter mit Behinderung ein. 87 Kollegen engagieren sich bei der Edeka Minden-Hannover in diesem Bereich. Am Standort Minden sind für den Großhandel (Verwaltung) zwei Beschäftigte und für den Einzelhandel drei Mitarbeiter als Vertrauensperson tätig. Mit dem gemeinsamen Aktionstag wollen sie die Öffentlichkeit auf die Teilhabe am Arbeitsleben aufmerksam machen. Denn ein Schicksalsschlag - wie eine schwere Krankheit - kann jeden treffen.                                              

Übrigens: Eine Behinderung ist nicht immer offensichtlich. Laut Marlies Mnich sind bei 85 Prozent der Betroffenen die Handicaps unsichtbar. 

Die Autorin ist erreichbar unter

(0571) 882231 oder Anja.Peper(at)MT(dot)de

 

 

 

 

 

 

Katja Hormann Praktikantin MT

Neue Sichtweisen im Alterssimulationsanzug